




Karl Alfred von Zittel – Drei Paläontologische Wandtafeln im Sammelbecken
Karl Alfred von Zittel und die Paläontologischen Wandtafeln
Wissenschaft im Grossformat
Bevor Fotografien, Dias oder digitale Präsentationen den Unterricht eroberten, waren grossformatige Schulwandtafeln das wichtigste Anschauungsmaterial im naturwissenschaftlichen Unterricht. Zu den eindrucksvollsten Serien ihrer Zeit zählen die Paläontologischen Wandtafeln des deutschen Geologen und Paläontologen Karl Alfred von Zittel (1839–1904).
Zwischen 1879 und 1901 veröffentlichte der Verlag Theodor Fischer in Cassel insgesamt 74 grossformatige Lithografien, welche Fossilien, ausgestorbene Tiere, Pflanzen und urzeitliche Landschaften zeigen. Die Tafeln dienten Universitäten, Gymnasien und naturwissenschaftlichen Sammlungen als hochwertige Lehrmittel und gehören heute zu den bedeutendsten wissenschaftlichen Unterrichtsbildern des späten 19. Jahrhunderts.
Lithografie auf vier Druckbogen
Die Herstellung dieser Lehrtafeln war ausgesprochen aufwendig. Jede Tafel wurde nicht in einem einzigen Druckvorgang gefertigt, sondern zunächst auf vier einzelnen Papierbogen lithografiert. Anschliessend wurden diese sorgfältig zusammengesetzt und auf Leinen kaschiert.
Die feinen horizontalen und vertikalen Übergänge zwischen den Druckbogen sind bis heute sichtbar und gehören zum originalen Herstellungsverfahren. Sie sind kein Schaden, sondern ein eindrucksvolles Zeugnis der damaligen Drucktechnik.
Erst durch die Kaschierung auf Leinen erhielten die Tafeln die notwendige Stabilität für den täglichen Unterricht. Über Jahrzehnte wurden sie immer wieder auf- und abgerollt, transportiert und vor Studierenden und Schulklassen eingesetzt.
Die aussergewöhnliche Druckqualität verbindet wissenschaftliche Präzision mit der hohen Kunst der Lithografie und macht die Tafeln heute ebenso zu druckgeschichtlichen wie wissenschaftshistorischen Dokumenten.
Drei Originale im Sammelbecken
Im Laufe der Jahre sind bei mir gleich drei Originaltafeln aus dieser bedeutenden Serie zusammengekommen – ein Umstand, der angesichts ihrer Seltenheit durchaus bemerkenswert ist.
Glyptodon reticulatus Owen
Die wohl eindrucksvollste Tafel zeigt das gewaltige Glyptodon reticulatus, ein ausgestorbenes Riesengürteltier aus Südamerika. Mit seinem nahezu kugelförmigen Knochenpanzer wirkt das Tier wie ein lebender Panzer – kaum zu glauben, dass es mit den heutigen Gürteltieren verwandt ist.
Besonders faszinierend ist, dass Glyptodon keineswegs zur Zeit der Dinosaurier lebte. Die Tiere überdauerten bis ans Ende der letzten Eiszeit und begegneten bereits den ersten Menschen. Wahrscheinlich führten Klimawandel und menschliche Bejagung gemeinsam zu ihrem Aussterben vor rund 10’000 Jahren.
Panochthus tuberculatus und Mylodon robustus
Eine zweite Tafel widmet sich den Überresten von Panochthus tuberculatus, einem weiteren riesigen Gürteltier Südamerikas, dessen gewaltiger Schwanz und die charakteristischen Backenzähne dargestellt werden.
Daneben erscheint der Schädel des Mylodon robustus, eines ausgestorbenen Bodenfaultiers, das mehrere Meter Körperlänge erreichen konnte. Die Gegenüberstellung verschiedener Skelettelemente und Zahnreihen vermittelt anschaulich die Arbeitsweise der Paläontologie um 1900 und zeigt, wie Fossilien wissenschaftlich verglichen wurden.
Dinotherium giganteum und frühe Rüsseltiere
Die dritte Tafel zeigt Schädel und Skelettteile verschiedener ausgestorbener Säugetiere. Besonders beeindruckend ist der riesige Schädel des Dinotherium giganteum, dessen nach unten gebogene Stosszähne bis heute zu den ungewöhnlichsten Merkmalen fossiler Rüsseltiere gehören.
Daneben sind weitere ausgestorbene Säugetiere wie Palaeotherium und Protolophus dargestellt. Die Tafel verdeutlicht eindrucksvoll, wie sich die frühen Säugetiere entwickelten und welche anatomischen Merkmale Wissenschaftler bereits im 19. Jahrhundert zur Rekonstruktion ihrer Stammesgeschichte nutzten.
Heute überwiegend in wissenschaftlichen Sammlungen
Bei der Recherche zu diesen Tafeln zeigte sich, dass vergleichbare Exemplare heute überwiegend in Universitätsbibliotheken, naturhistorischen Museen und wissenschaftlichen Sammlungen erhalten sind. Im freien Handel erscheinen sie nur selten, was ihren besonderen Reiz für Sammler historischer Lehrmittel zusätzlich unterstreicht.
Gerade vollständig erhaltene Exemplare mit Originalholzstäben und guter Druckqualität sind heute kaum mehr anzutreffen.
Karl Alfred von Zittel
Karl Alfred von Zittel (1839–1904) zählt zu den bedeutendsten Geologen und Paläontologen des 19. Jahrhunderts. Als Professor an der Universität München prägte er die Paläontologie als eigenständige wissenschaftliche Disziplin nachhaltig und veröffentlichte zahlreiche grundlegende Werke.
Mit seinen Paläontologischen Wandtafeln schuf er ein Lehrmittel, das wissenschaftliche Genauigkeit mit aussergewöhnlicher grafischer Qualität verband – und das auch mehr als hundert Jahre später nichts von seiner Faszination verloren hat.
Ben, Juli 2026
Quellen
Wikipedia: Karl Alfred von Zittel
Eigene Originale aus der Serie Paläontologische Wandtafeln, Verlag Theodor Fischer, Cassel (Sammlung sammelbecken.ch)