Melchior Joller und die Geschichte eines legendären Hauses

Bild: das Joller Haus in Stans auf einem Luftbild von 1999
Ein Stück Schweizer Spukgeschichte im Atelier – die originale Fassadenbekrönung des Jollerhauses in Stans
Manchmal gelangt ein Objekt ins Atelier, das weit mehr ist als ein Sammlerstück. Es erzählt Geschichte – und in seltenen Fällen sogar eine Geschichte, die seit über 160 Jahren Menschen fasziniert.
Zu diesen Objekten gehört die originale Fassadenbekrönung des ehemaligen Jollerhauses in Stans (NW).
Hinweis: Das Schwarz-Weiss-Bild in diesem Beitrag habe ich selbst aus verschiedenen historischen Vorlagen rekonstruiert. Die Position der Fassadenbekrönung entspricht dem Original. Im Internet existieren zahlreiche historische Fotografien des Hauses, auf denen das Ornament ebenfalls – wenn auch meist weniger deutlich – zu erkennen ist.
Das berühmteste Spukhaus der Schweiz
Das Jollerhaus wurde durch die sogenannten Spukereignisse von 1862 weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Zeitungen berichteten über rätselhafte Klopfgeräusche, fliegende Gegenstände und weitere unerklärliche Vorfälle, die zahlreiche Schaulustige aus der Schweiz und dem benachbarten Ausland nach Stans lockten.
Melchior Joller schilderte die ungewöhnlichen Ereignisse in seinem Tagebuch. Darin beschreibt er Klopfgeräusche, sich scheinbar selbst bewegende Gegenstände und weitere rätselhafte Vorfälle. Seine Aufzeichnungen gehören bis heute zu den wichtigsten zeitgenössischen Quellen über die Ereignisse und machten das sogenannte Jollerhaus weit über die Schweiz hinaus bekannt.
Bis heute gibt es keine allgemein anerkannte Erklärung für die damaligen Geschehnisse. Unter dem Eindruck der anhaltenden Vorfälle und der grossen öffentlichen Aufmerksamkeit verliess Melchior Joller mit seiner Familie zunächst Stans und zog später nach Zürich sowie nach Rom. Überliefert ist zudem, dass nach dem Wegzug der Familie keine weiteren vergleichbaren Vorkommnisse aus dem Haus bekannt wurden.
Bis heute gehört der Fall zu den bekanntesten historischen Spukgeschichten der Schweiz und beschäftigt Historiker, Volkskundler und andere Interessierte gleichermassen.
Der deutsche Regisseur Volker Anding widmete dem Haus 2003 den Dokumentarfilm *Das Spukhaus*. Darin werden die Ereignisse von 1862 anhand historischer Quellen nachgezeichnet und verschiedene Erklärungsansätze vorgestellt. Auch 3sat griff den Fall 2004 in der Sendung *schweizweit* auf. Weitere Beiträge, unter anderem aus der Reihe *SRF bi de Lüt – Sagen*, erinnern bis heute an die aussergewöhnliche Geschichte des Hauses.
Die originale Fassadenbekrönung
Mittelteil der Fensterbekrönung mit dem Nidwaldner Wappen.
Die rund 4,5 Meter breite Holzbekrönung schmückte über viele Jahrzehnte die Fensterfront des Jollerhauses und gehört zu den wenigen erhaltenen Originalteilen des Gebäudes.
Im Zentrum befindet sich das kunstvoll ausgeführte Nidwaldner Wappen, eingerahmt von reich bemalter floraler Ornamentik. Das Werk ist ein eindrucksvolles Beispiel traditioneller Zimmermanns- und Fassadenkunst des 19. Jahrhunderts.
Kurz vor dem Abbruch des Jollerhauses im Jahr 2010 konnte dieses Fassadenteil gerettet werden. Dadurch blieb eines der wenigen originalen Bauteile dieses geschichtsträchtigen Hauses erhalten.
Zum Objekt gehören ausserdem eine historische Fotografie des Hauses aus dem Jahr 1999 sowie Literatur über das Jollerhaus und seine bewegte Geschichte.
Mehr als ein dekoratives Holzobjekt
Mich faszinieren Objekte, deren Wert nicht allein in ihrer handwerklichen Qualität liegt, sondern vor allem in ihrer belegbaren Herkunft.
Diese Fassadenbekrönung ist genau so ein Stück. Sie verbindet Nidwaldner Handwerkskunst mit einer der bekanntesten Schweizer Spukgeschichten und erinnert an ein Gebäude, das heute nicht mehr existiert.
Gerade solche Objekte zeigen, weshalb Sammeln weit mehr sein kann als das Anhäufen schöner Dinge. Es geht darum, Geschichte zu bewahren, Zusammenhänge sichtbar zu machen und kulturelles Erbe auch nach dem Verschwinden eines Bauwerks weiterleben zu lassen.
Ausstellung im Atelier
Die originale Fassadenbekrönung des Jollerhauses befindet sich derzeit in meinem Atelier und gehört zur Sammlung von sammelbecken.ch, im Shop kann sie erworben werden.
Gebäude können verschwinden. Geschichten bleiben. Und manchmal überlebt sogar ein Teil von beidem.
Ben, Juli 2026





Wer war Melchior Joller?
Melchior Joller (1818–1865) war weit mehr als der Mann, dessen Name heute mit dem berühmten Spukhaus von Stans verbunden wird. Er war Jurist, Landwirt, Publizist und freisinniger Politiker und gehörte im 19. Jahrhundert zu den prägenden Persönlichkeiten Nidwaldens.
Nach seinem Jurastudium in Freiburg im Breisgau wirkte Joller als Fürsprecher in Stans und engagierte sich für liberale Reformen sowie eine Humanisierung des Strafrechts. Mit der Gründung des Nidwaldner Wochenblatts setzte er sich für eine moderne, gesamtschweizerisch ausgerichtete Politik ein. Seine fortschrittlichen Ansichten stiessen jedoch auf erheblichen Widerstand; die Zeitung wurde bereits nach wenigen Monaten verboten und konnte erst nach der Gründung des Bundesstaates 1848 wieder erscheinen.
Auch kulturell und gesellschaftlich war Joller aktiv. Er präsidierte die Theatergesellschaft Stans, war Sekretär der Kantonalschützengesellschaft Nidwalden und gehörte zu den Mitorganisatoren des Eidgenössischen Schützenfestes von 1861 in Stans. Von 1857 bis 1860 vertrat er Nidwalden zudem als Nationalrat in Bern.
Erst die rätselhaften Ereignisse im Jollerhaus ab dem Sommer 1862 überschatteten sein bisheriges Leben. Die zunehmende öffentliche Aufmerksamkeit und die belastende Situation führten dazu, dass er Stans mit seiner Familie verliess. Nach Aufenthalten in Zürich zog er später nach Rom, wo er 1865 im Alter von nur 47 Jahren verarmt verstarb.
Gerade weil Melchior Joller als gebildeter Jurist, Politiker und Publizist galt, fanden seine sorgfältigen Aufzeichnungen über die Ereignisse im Jollerhaus weit über Nidwalden hinaus Beachtung. Bis heute gehören sie zu den wichtigsten zeitgenössischen Quellen über den sogenannten «Spuk von Stans».
Quellen
Volker Anding: Das Spukhaus. Dokumentarfilm (ZDF/ARTE), 2003.
Peter Steiner: Melchior Joller. In: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version von 2004, bearbeitet am 13. Februar 2007. Online-Ausgabe des Historischen Lexikons der Schweiz.
Melchior Joller: Darstellung selbsterlebter mystischer Erscheinungen. Zürich, 1863; Neuedition, herausgegeben von Brigitt Flüeler, Stans, 2007.
Fanny Moser: Spuk – Irrglaube oder Wahrglaube? Eine Frage der Menschheit. Band I: Materialsammlung mit Tafeln und Textfigur. Mit einer Vorrede von C. G. Jung. Gyr-Verlag, Baden bei Zürich, 1950.
Lukas Vogel: Schreckliche Gesellschaft – Das Spukhaus zu Stans und das Leben von Melchior Joller. Hier und Jetzt Verlag, Baden, 2011.

